Verfasst von: Atomality in: 9. Oktober 2009
Anna ist Ende 50 und eine sehr religiöse Frau. Sich selbst würde sie niemals so bezeichnen, denn Religion ist in ihren Augen etwas für angestaubte Eunuchen. Sie dagegen ist modern und frisch. Ihr Gott hat viele Gesichter. Vorallem ist er aber eines: pure Energie. Sie ist umgeben von Engeln, mit denen sie spricht und die sie begleiten. Sie ist eine Kriegerin des Lichts, die der Welt helfen wird, im Jahr 2012 einen Wandel zu vollziehen. Sie bereitet den Aufstieg der Menschheit vor.
Anna hat früh geheiratet und Kinder bekommen. Eigentlich wollte sie das nicht, aber die Kinder verschafften ihr Anerkennung. „Du bist eine gute Mutter, Anna.“ sagten die Leute. Und Anna fühlte sich bedeutsam.
Gelernt hat sie nichts. „Frauen heiraten doch.“ hieß es in ihrer Familie. Und es sind ja Kinder da, um die sie sich zu kümmern hat. Ihr Mann betrügt sie. Er ist ja auch noch jung. So ist das mit den Männern. Anna will sich aber auch selbst finden, ihr Leben ordnen. Als erstes trennt sie sich von ihrem Mann. Da ist sie 20.
Sie fühlt sich überfordert. Ihr Leben ist so sinnlos. Sie sitzt in einem Zimmer und sieht den Kindern beim Spielen zu. Sie spricht in Babysprache. Wann hat sie sich das letzte Mal mit einer Freundin unterhalten? Wann ist sie ausgegangen? Anna denkt an Selbstmord.
Als sie ihn kennenlernt, weiß sie sofort, dass es nicht die große Liebe ist. Aber sie braucht einen Versorger. Sie ist jetzt über 30 und hat die wechselnden Bekanntschaften satt. Anna heiratet Carlo und bekommt bald darauf ein Kind.
Carlo ist ein Pascha. Seine Rollenvorstellung sind klar definiert. Sobald er die gemeinsame Wohnung betritt, wird er nicht einen Finger rühren. Anna dagegen arbeitet rund um die Uhr. Sie versorgt die Kinder, kümmert sich um das Baby, geht Einkaufen, kocht und säubert die Wohnung. Sie schläft nur noch vier Stunden, Freundschaften vernachlässigt sie. Zum Denken kommt sie gar nicht mehr. Wieder plagen sie Suizidgedanken.
Die großen Kinder sind endlich aus dem Haus. Anna fühlt sich ein wenig entlastet. Sie beginnt sich für die Natur zu interessieren. Sie besucht Bioläden und setzt sich mit den Antroposophen auseinander. Ein wenig Zeit hat sie, um zu lesen. Im alternativen Buchladen findet sie Silberbirkes Rede und ein Buch über die menschliche Aura. Ausgehungert verschlingt sie jedes Wort.
Anna hat sich eine kleine Bibliothek zusammengespart, indem sie kleine Beträge von dem ihr zugewiesenen Haushaltsgeld abzwackt. Sie ist stolz auf ihre Bücher über Meditation, Bewußtseinserweiterung, Auralesen, Zahlenorakel, Naturphilosophie. Eines Tages ersteht sie ein weiteres Werk. Es geht um Engel. Anna fühlt sich verstanden. Die Wahrheit strömt aus diesem Buch. Sie findet wieder, was sie selbst beobachtet hat. Alles ist nun schlüssig.
Sie ist jetzt fast 50. Eigentlich ist es doch zu spät. Aber warum nicht? Sie ist gegen Abtreibung. Also wird sie das Kind bekommen. Sie nennt es Gabriel.
Anna fühlt, wie sie Macht durchströmt. Sie ist von den Engeln beseelt, vom göttlichen Licht durchflutet. Sie ist eine Hellseherin, kann Astralreisen unternehmen und mit Tieren sprechen. Sie ist frei. Solange sie sich in ihrem Universum befindet.
Gabriel ist ein Indigokind. Er wird ein Gott. Allmächtig und unsterblich. Er wird die Welt retten. Anna weiß das und bereitet Gabriel darauf vor.
Ihre Familie benimmt sich merkwürdig. Es kommt häufig zum Streit. Der Älteste will nichts von ihren Engelsbotschaften wissen. Sie ist ratlos. Dabei ist er doch auch auserwählt. Vielleicht wird er von den Engeln geprüft. Die Tochter ist in einem anderen Land. Alles begründet und erklärt sie mit ihrem bärtigen Gott. Anna hasst den bärtigen Gott und bekehrt ihre Tochter zu den Engeln.
Carlo und der mittlere Sohn werden immer aggressiver. Anna fühlt die bösen Kräfte der Ungläubigen. Sie werden bestraft werden. Das weiß Anna. Und sie lächelt bei dem Gedanken.
Anna sitzt in der Küche und betet zum Erzengel Gabriel. Er möge ihre Wohnung vor dem Teufel schützen und die Räume reinigen. Immer wieder wiederholt sie den einen Satz. Er wird sie schon erhören. Er wird alles zum guten wenden. Er hat es ihr versprochen. Ein Haus bekommt sie und viel Geld. Das hat er gesagt.
Die Fenster dürfen nicht mehr geöffnet werden. Das Böse wird sonst ins Haus kommen. Anna hat diese Anweisung gegeben und ihr ältester Sohn, mittlerweile wohnt er wieder bei ihr, hat sich ihr widersetzt. Anna schlägt ihm die Türe vor der Nase zu. Wie kann er es nur wagen!! Anna weiß, dass sie sofort handeln muss, bevor der Teufel die Räume verunreinigt. Sie schlüpft auf den Balkon, setzt sich auf den Tisch und betet.
Anna fragt nicht, ob sie sich glücklich fühlt. Sie fühlt sich mächtig und bedeutsam. Sie wird die Welt retten, sie wird die Bösen mit Licht durchfluten. Mittlerweile hat sie Kontakt mit Außerirdischen aufgenommen. Diese heilen sie. Anna fühlt ihre Unsterblichkeit. Die Venusianer, die Wesen vom Sirius, die Kreaturen von Alpha Centauri, sie bestätigen Annas Macht. „Du bist etwas besonderes, Anna.“ sagen sie.
Anna war meine „Schwiegermutter“. Als ich sie kennenlernte, war sie mit Gabriel schwanger. Schleichend bemächtigte sich die Esoterik ihres Verstandes. Heute lebt sie in ihrer eigenen Welt. Ihre Familie ist hilflos, weiß sich und ihr nicht zu helfen. Nur Gabriel steht zu ihr. Er denkt tatsächlich, er sei ein allmächtiger Gott.
Es trifft mMn häufig Frauen in Annas Alter. Gerade keine dummen Frauen, sondern Frauen, die sich ihr Leben lang, beschränkt auf Haushalt und Kinder, bedeutungslos gefühlt haben und nun ihre Machtphantasien ausleben müssen. Sie brauchen einen Gegenpol und den finden sie in der für sie sehr schlüssigen Esoterik (bzw. in Teilgebieten, gerade die Engelsgläubigkeit ist momentan sehr populär).
Anna ist sicher ein Extremfall. Aber er zeigt, was Religion aus einem leicht zu beeinflussenden Menschen, besonders aber aus einem mit geringem Selbstwertgefühl, machen kann, in welchen Fanatismus sie ihn treiben kann. Dabei kann keine Religion, kein Glaube ausgenommen werden. Jeder Glaube, jede Religion spielt mit Machtgedanken, Dünkelhaftigkeit, Rachegelüsten und Sinnverleihung bei den Opfern/Gläubigen.
Die Esoterik mit ihren unterschiedlichen Strömungen, z.B. Hexenglauben, Lichtkrieger, Glaube an heilige Außerirdische usw., ist besonders verführerisch, weil sie Spielraum lässt, weil sie sich besser darstellt, als die herkömmlichen Religionen und weil sie häufig einen wissenschaftlichen Touch hat.
Momentan versuche ich, meinen Ex-Freund davon zu überzeugen, dass Anna professionelle psychologische Hilfe braucht und dringend von Gabriel entfernt werden muss, der ohnehin am meisten Schaden genommen hat.
(Sämtliche Namen habe ich selbstverständlich geändert.)
Verfasst von: Atomality in: 8. Oktober 2009
Man begegnet im Leben einigen Menschen, die man mag, vielen, die man nicht mag und ganz, ganz vielen, die einem ziemlich gleichgültig sind.
Mein Leben verlief bisher sehr ruhig und unspektakulär. Und so ist es nicht verwunderlich, dass ich auch eher ruhige und unspektakuläre Kontakte pflege. Der Männer- und Frauenanteil dürfte sich in meinem Freundes-, Feindes-, Kollegen- und Bekanntenkreis in seiner Gesamtheit etwa die Waage halten, der Ausländeranteil beträgt um die 25%.
Von diesen 25% sind bestenfalls 5% Moslems.
Von diesen 5% hat mich einer wirklich schäbig behandelt. Er war mein Chef und es wäre absurd zu behaupten, sein Arschlochtum hätte mit seiner Religion zu tun.
Eine muslimische Freundin ging mit mir zur Schule und gehörte zur Elite (und das auf einem Elitegymnasium, quasi Elite der Elite!). Meine muslimischen Nachbarn brachten uns zu Ramadan und zu persönlichen Festtagen Süßigkeiten oder einen Teller voll Fingerfood. Ein türkischer Freund reparierte mein Auto und verlangte kaum was dafür.
Frozan, eine iranische Kommilitonin hatte wunderschöne Haare, die sie stolz in atemberaubenden Flechtfrisuren präsentierte. Serol war mein liebster Angestellter, mit dem wir gerne einen Cocktail tranken und Selim hörte in der WG zwar manchmal zu laut Musik, war ansonsten aber ein witziger und hilfbereiter Mensch mit häufigem Liebeskummer.
Ich wohnte zu Beginn meines Studiums in einem Ghetto, das als sozialer Brennpunkt mit hohem Ausländeranteil gebrandmarkt war. Nie wurde ich behelligt. Meine Schwester bezog nach der Geburt des ersten Kindes eine Wohnung im angeblich schlimmsten mordorianischen Viertel mit hohem Ausländeranteil. Sie wurde nie behelligt.
In Mannheim (auch Mordor) gibt es zahlreiche Plätze, da dürfte der Anteil der Nichtimmigranten bei 10% liegen. Man kann dort leckeres türkisches Gebäck kaufen oder einen Moscheewecker erstehen. Komisch? Warum?
Hätte ich also niemals Zeitung gelesen, niemals Fernsehen geguckt oder Radio gehört, hätte ich niemals den angstbeladenen Konservativen zugehört, ich würde gar nicht verstehen, wovon Herr Sarrazin in seinem Interview gesprochen hat und weshalb ihm so viele offen und insgeheim zujubeln. Ich würde ratlos die Augenbraue zusammenziehen und gründlich überlegen…
Ich habe aber Zeitung gelesen, Fernseh geguckt, Radio gehört und – weiß Gott – ich habe mit angstbeladenen Konservativen gesprochen. Und so bemerke ich einen ganz unschönen Zug an mir: Wenn ich eine schwangere Türkin mit Kopftuch sehe, denke ich: „So klar. Die vermehren sich echt wie die Hasen.“ Lese ich von einem Überfall, denke ich sofort: „War bestimmt wieder einer von denen mit Migrationshintergrund.“ Sehe ich in der S-Bahn ausgelassene türkische Jugendliche, denke ich: „Bestimmt arbeitslose Krawallmacher.“ Und wenn sich zwei Jungs in gebrochenem Deutsch unterhalten, brauche ich sie gar nicht zu sehen, um zu denken: „Typisch. Sind hier aufgewachsen und können nicht mal richtig Deutsch.“
Ich denke das, obwohl ich NIE schlechte Erfahrungen in diese Richtung gemacht habe oder auch nur eines der Vorurteile bestätigen könnte.
Ja, es gibt sicherlich kriminelle Ausländer, radikale Moslems, arbeitslose Türken, fiese Araber. Es gibt schlimmste Brennpunkte und Immigranten, die man als „integrationsunwillig“ bezeichnen kann. Es gibt auch betrügerische deutsche Banker, verlogene deutsche Politiker, aggressive deutsche Jugendliche, verwahlloste deutsche Kinder und verantwortungslose deutsche Erwachsene.
Das alles gibt es. Man kann auf diese Menschen schimpfen und ihnen die Schuld für alles geben.
Man kann sich aber auch fragen, warum das so ist und welchen Anteil man selbst an dieser Entwicklung hat.
Verfasst von: Atomality in: 6. Oktober 2009
Nehmen wir einmal an, ich produziere und vertreibe Toilettenpapier: Atomalitys Klosettpapier.
Mein Klopapier ist einlagig, kein bißchen reissfest, es schmirgelt ziemlich und empfindliche Personen bekommen bei Benutzung eitrigen Ausschlag an empfindlichen Stellen. Aber mein Preis ist einfach so unschlagbar günstig und mein Klopapier gibt es auch überall zu kaufen. Außerdem schmücke ich die Plastikverpackung mit Tittenbildern.
Mein Toilettenpapier ist das in der Bundesrepublik am häufigsten gekaufte. Damit das so bleibt, mache ich regelmäßig Werbung dafür. Mein neuester Marketing-Coup ist es, Prominente erzählen zu lassen, was sie von meinem Produkt halten. Die einen sagen, es sei schlimmster Müll, aber die Papprolle taugt als Stiftehalter. Die anderen bescheinigen der Folienverpackung Tauglichkeit als Wichsvorlage. Wieder andere behaupten, mein Klosettpapier nur deshalb zu kaufen, weil es eben ALLE kaufen.
Zeige ich mich nun als selbstironischer Unternehmer, setze ich mich ab, weil ich keine Produktlügen erzähle oder lache ich mir ins Fäustchen, weil meine Kunden einfach so doof sind, zu kapieren, welchen Dreck ich ihnen da anbiete?
Verfasst von: Atomality in: 6. Oktober 2009
Es gibt ja diese Arbeitnehmermentalität, sich krank in die Arbeit zu schleppen oder Überstunden zu machen. Sich loyal zu zeigen, sich für das Firmenwohl aufzuopfern und eigene Belange zurückzustecken.
Menschen, die sich so verhalten, beäugen die, die zweimal im Jahr krank sind, misstrauisch oder lästern, wenn der Kollege pünktlich das Büro verlässt.
Es gibt diese Mentalität wirklich. Ich selbst hatte sie in allen Auswüchsen seit Beginn meiner Tätigkeiten gegen Entgelt im Alter von 16 Jahren bis vor ca. vier Jahren. Ich habe mich mit Fieber an den Schreibtisch gesetzt, war immer da, wenn jemand anderes ausfiel, habe Überstunden gemacht, teilweise sogar sehr exzessiv. Und nicht etwa, weil es meinen Arbeitgebern schlecht ging. Im Gegenteil!
Dann ging mir ein Licht auf. Ich hatte nicht einen Arbeitgeber, der meinen Einsatz honoriert hat! Und allein die Gnade, bei meinem Arbeitgeber arbeiten zu dürfen und seinen Reichtum zu mehren, sehe ich nicht als Auszeichnung für meine gelebte Loyalität an.
Und mittlerweile weiß ich: Es ist nichts bewundernswertes, sich so aufopfernd zu verhalten. Es ist einfach nur dämlich.
Das ist das traurige Fazit aus 20 Jahren Arbeit.
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