Maos Anzug im Kopf


Als Teenager, in der Schule, da ist es ja so wichtig, welcher Gruppierung man sich anschließt, welche Klamotten man trägt, wen man gut oder schlecht findet und zu welcher Clique man gehört.

Zu meiner Zeit und auf der elitären Schule, die ich besuchte (übrigens Geld-, nicht zwangsläufig Geisteselite), da trug man selbstverständlich Edellabels, ließ sich die Haare vom teuersten Friseur der Stadt ondulieren und betrachtete es als Rebellion und cooles Understatement, ein H+M T-Shirt unter dem teuren Hosenanzug zu tragen. H+M war damals der Kaufhof der Armen und Geschmacklosen. Letzteres ist er ja immer noch. Wer stilunsicher ist, der rennt zu IKEA und H+M, lässt sich alles vorkauen, um ja nicht den Hauch von Individualität entwickeln und eigenen, auch schlechten Geschmack haben zu müssen.

Die Sache ist doch die. Propagiert wird überall die Individualität. Man möchte sich abheben, besser fühlen und besser aussehen als der sogenannte Mainstream. In Wahrheit rennen die meisten aber doch in Maos Anzügen rum. Und viele haben die auch über’s Hirn gestülpt. Wer nicht zur Gruppe passt, wird ausgegrenzt.  Du bist Emo? Geh weg, Emo ist scheiße. Du trägst die Hose ÜBER dem Arsch? OMG, was bist du denn für einer?

Rudelbildung, wo man hinsieht. Kürzlich habe ich einem 12-jährigem Mädchen erzählt, das ändere sich mit dem Alter. Der Druck, einer Gruppe anzugehören, verschwindet mit der Zeit und ebenso die Anerkennung oder Häme. Als ich tags darauf zur Arbeit ging und all die Schlipsträger, die Carry-Bradshaw-Verschnitte mit ihrem InTouch-Outfit und die Bewußt-Geeks sah, da wurde mir klar: Ich habe gelogen.

Hat sich was mit der Altersweisheit…

Die Tempel der (Un-)Lust


Weihnachtsgeschenke zu besorgen wird einem in diesen Tagen ja besonders schwer gemacht. Die Geschäfte glitzern und glänzen, sind geschmückt mit allerlei Firlefanz und bedudeln uns mit Weihnachtsmusik. All das soll Lust machen und bewirkt doch nur das Gegenteil – jedenfalls bei mir.

Generell bin ich kein Shopping-Fan. Ich meide die großen Einkaufszentren so gut es geht. In diesen Konsumtempeln mit Hallen so groß wie Khazad-dûm, mit Rolltreppenlabyrinthen und künstlichen Niagarafällen, fühle ich mich klein und deplaziert. Wie ein Schmutzfleck.

Aber ich bin wohl die Ausnahme. Einkaufszentren boomen – im Gegensatz zu den Warenhäusern, deren Konzept völlig ausgedient hat. Schreibt jedenfalls die FAZ.
Ich mochte die Warenhäuser, als sie noch Warenhäuser waren. Bergab ging es mMn Mitte der 90er Jahre, als das Konzept „Warenhaus“ verändert wurde. Aus dem schlichten Kaufhof wurde z.B. die Galeria Kaufhof. Alles gleißte plötzlich in Lampenflut, sollte edel wirken und das Image des banalen Warenhauses aufpimpen.

Und plötzlich passten auch Waren nicht mehr ins Konzept. Und viele Artikel wurden preislich der Optik des neuen Tempel angepasst.

Für mich starb die Lust am Warenhaus als Kaufhof und Horten die Stoffabteilung aus dem Programm warfen. Nicht etwa wegen mangelndem Umsatz – nein, zu bieder, zu altmodisch. Kunden, die Meterwaren kauften, die wollte man nicht mehr haben.

Vermutlich sahen die Verantwortlichen ein alltes Muttchen vor sich, zu arm oder zu geizig, die vorgefertigte Stangenware Marke Lady Astor zu erwerben.

Ich nähe gern und ich tat das auch schon mit 20. Daß ich plötzlich kein gern gesehener Gast im Kaufhaus meiner Wahl mehr war, fand ich beleidigend. Warum soll ich in einem Geschäft einkaufen, das mich gar nicht als Kundin haben möchte?

Aber ich denke, ich bin auch hier die Ausnahme. Die meisten Menschen wünschen sich das optische Blendwerk. Es füllt ihr minderwertiges und nichtssagendes Leben mit ein bißchen Glanz.

Mich stößt es nur ab. Ich sehe ieber ein Bauernhaus als ein Schloß. Romanische Kirchen finde ich ungleich schöner als die goldglänzenden, puttenbestückten barocken Kirchen und ich würde auch lieber in einer heimeligen Pension nächtigen als im teuersten (und btw. hässlichsten) Hotel der Welt.

Der Firlefanz lenkt nur vom Wesentlichen ab. Das ist bei Dingen so und auch bei Menschen. Aber wer will sich die Mühe machen, das in einer konsumorientierten Welt, in der alles zur Ware degradiert wird, zu hinterfragen?