Lustiges Schlagzeilenraten (2)


Beim letzten Schlagzeilenraten stellte ich die Frage, welches Onlinemedium für folgenden journalistischen Hochwurf verantwortlich sei: Die zehn frechsten Nummernschilddeutungen. Und die Mehrheit hat ganz richtig getippt! Natürlich konnte dieser Titel so nur im Nachrichtenmagazin Spiegel online erscheinen!

Und wie tippt der geneigte Leser dieses Mal? Man darf gespannt sein. (Cheaten ist übrigens doof. Schließlich geht es nicht um Wissen, sondern rein um das Gefühl.)

Zu welcher Zeitung/Zeitschrift (in ihrer Online-Version) gehört folgende Schlagzeile?

Der mysteriöse Fall Mannichl?


In den letzten Tagen ist in der Presse stets von Zweifel in Verbindung mit dem Attentat auf Polizeichef Mannichl zu lesen. Noch hält man sich mit Spekulationen zurück, aber schon bald wird wenigsten SPON auf den Springerzug aufhüpfen und öffentlich die Glaubwürdigkeit des Passauer Polizeichefs zerlegen.

Wie schrecklich wäre das, sollte Herr Mannichl die Wahrheit gesagt haben und nun glaubt ihm keiner. Ein bißchen wie hier. Ein bißchen wie bei Hitchcock.

Aber zugeben muß man ja schon, bereits der Tathergang hört sich recht merkwürdig an, oder?

Der Täter, ein ungewöhnlich großer Mann, klingelt an der Tür des Polizeichefs, sagt irgendeinen rechtsradikalen Schwachsinn und sticht sofort zu. Und zwar mit einem Messer, das Mannichl gehört und auf dessem Fensterbrett lag.

Die Sache mit dem Messer fand ich von Beginn an sehr merkwürdig. Angeblich lag es auf dem Fensterbrett, damit Lebkuchen damit abgeschnitten werden konnte. Das lag deshalb da, so heißt es, weil es nach einem Fest mit den Nachbarn wohl nicht aufgeräumt wurde.

Schon merkwürdig. Woher wusste das der Täter? Wenn er mit Tötungsvorsatz oder dem Vorsatz, ihn mit einer Waffe zu verletzen, zum Herrn Mannichl kam, dann hätte er auch eine Waffe bei sich getragen. Weshalb also hat er das Messer auf dem Fensterbrett genommen? Das ließe ja eher auf eine Affekttat schließen. Aber was wollte der Täter dann?

Skeptisch stimmt auch, daß auf dem Messer keine Fremd-DNA bzw. Handschuh- oder Wischspuren gefunden wurden. Das kann ja eigentlich nur bedeuten, der Täter hat die Waffe per Telekinese in den Bauch von Herrn Mannichl befördert. Und warum kann der wiederum – als geschulter Polizist – keine einwandfreie Täterbeschreibung abliefern, während eine Frau aus der Nachbarschaft einen Typen mit einer geradezu ins Auge springenden Gesichtstätowierung gesehen haben will?

Fragen über Fragen. Aber so unerklärlich, wie einem die Medien das weismachen wollen, ist das alles nicht.

  • Daß das Messer auf dem Fensterbrett lag, ist nicht wirklich mysteriös, sondern deutet allenfalls auf eine nicht gerade ordnungsfanatische Familie Mannichl hin (oder eine vergessliche).
  • Daß der Täter dieses Messer nahm, könnte mehrere Ursachen haben: Vielleicht wollte er den Polizeichef nur niederschlagen. Dann sah er das Messer und änderte seine Meinung. Vielleicht kam er tatsächlich mit Tötungsvorsatz und hatte bspw. eine Schußwaffe bei sich. Das Messer kam ihm aber gelegener, weil es weniger aufsehenserregend ist. Womöglich fand er, es könnte eine Drohung, die er im Sinn hatte, besser unterstreichen? Vielleicht hat er es auch zur eigenen Verteidigung eingesteckt. Schließlich ist der Herr Mannichl Polizist und kann sich notfalls wehren.
  • Daß der Täter das Messer nicht mitgenommen hat, liegt vielleicht daran, daß er es nicht wieder aus Herrn Mannichl rausziehen wollte oder konnte (wer mit einem Küchenmesser schonmal ein Huhn zerteilen wollte, kann nachvollziehen, daß das leicht steckenbleibt). Das spricht im übrigen auch gegen den Tötungsvorsatz, eher für eine eskalierte Körperverletzung. Will man jemanden mit einem Messer absolut sicher killen, sticht man mehrmals zu. Abgesehen davon hatte der Täter es sicherlich eilig und wollte vom Tatort weg. Und nicht zu vergessen: Ein Gewalttäter muß nicht intelligent sein.
  • Zu den mangelnden Spuren auf dem Messer: Die SZ spricht davon, es gäbe nur private DNS-Spuren. Zitiert dann aber den Oberstaatsanwalt mit folgender Aussage: „Eine Fremdspur wurde bisher nicht eindeutig isoliert.“ Das heißt erst einmal nur, daß noch nichts gefunden wurde. Vielleicht hat Herr Mannichl die Spuren auch selbst versehentlich zerstört, als er das Messer rausgezogen hat oder es versuchte? Vielleicht ein Sanitäter? Was genau mit dem Messer während und nach der Tat passierte, darüber gibt die Presse keine Auskunft. Insofern lässt sich das mangels Information überhaupt nicht beurteilen. Und was bedeutet das eigentlich, daß keine „Fremd-„spuren gefunden wurden? Haben die die Fingerabdrücke sämtlicher Nachbarn genommen und abgeglichen? Auch das wissen wir nicht. Wenn dem nicht so ist, dann können nicht gefundene Fremdspuren doch nur bedeuten, daß kein Fingerabdruck gefunden wurde, den die Polizei schon einmal im Rahmen von Ermittlungen erfasst hat. Und soweit ich weiß, ist nicht jedes Mitglied der rechtsradikalen Szene erkennungsdienstlich erfaßt… Abgesehen davon kann es sich auch um einen Trittbrettfahrer handeln, also um irgendjemanden, der noch eine Rechnung offen hatte und auf den rechtsradikalen Zug aufsprang.
  • Zum mangelnden Erinnerungsvermögen: Also, das ist schon verwerflich, wenn sich ein Opfer, das an der eigenen Haustür überrumpelt und niedergestochen wird, nicht haargenau an den Täter erinnern kann… Ich finde das kein bißchen merkwürdig, sondern zutiefst normal. Abgesehen davon wissen wir wieder einmal nichts über die Lichtverhältnisse. Und Dialekt, Größe und daß der Täter keine Haare hat, das hat Herr Mannichl beobachten können. Das ist doch schon eine ganze Menge. Viele wissen nach Jahren nicht einmal, welche Augenfarbe ihr Lebenspartner hat.
  • Zur Spekulation, es handle sich um eine Beziehungstat, sprich, der Täter käme aus dem privaten Umfeld: Herr Mannichl hätte sich in diesem Fall ja den Tathergang ausgedacht, um womöglich jemanden zu schützen. Hätte er dann nicht, der erfahrene Polizist, eine Geschichte erzählt, die im wahrsten Sinne stichfester ist? Warum dann z.B. die Aussage, der Täter sei ein ungewöhnlich großer Mann gewesen? Mit seiner Erfahrung hätte er doch sicher eine eher sehr gewöhnliche Beschreibung abgegeben?

Als Fazit bleibt nur zu sagen: Man kann in beide Richtungen spekulieren. Aus gutem Grund wissen wir nicht jedes Detail. Dann aber gleich ein mutmaßliches Opfer einer Gewalttat zu demontieren, so wie es jetzt in den Medien der Fall ist, ist nicht nur oberflächlich, sondern auch, sollte sich Herrn Mannichls Geschichte als wahr erweisen, grausam und grenzt an Rufmord. Man denke an den Fall Maddy McCann.

Wir bekommen Häppchen serviert, hinter denen eine subjektive, oft auch öffentlichkeitswirksame Meinung steckt, keine harten Fakten. Ich habe eben das gleiche getan – nur in eine andere Richtung. Woran man sehen kann, wie leicht eine Manipulaiton möglich ist. Dabei wäre Skepsis – in jeder Hinsicht – gerade auch gegenüber den Medien weit mehr angebracht.

Denkanstoß kam von hier.

Lustiges Schlagzeilenraten (1)


In loser Reihenfolge stelle ich hier Schlagzeilen vor und bitte meine geneigten 2 bis 3 Leser, darüber zu befinden, welche Redaktion sich mit solch Einfallsreichtum auszeichnete.

Zu welcher Zeitung/Zeitschrift (in ihrer Online-Version) gehört folgende Schlagzeile?

Dschungelcamp ein Fake?


Der „Eklat bei der Fernsehpreisverleihung“, ausgelöst durch Marcel Reich-Ranicki, dürfte den Meisten noch bestens in Erinnerung sein. Der alte Mann kritisierte auf seine einmalige Art die TV-Landschaft und nahm davon nur Arte und 3Sat aus. Diese Kritik kann man abnicken.

„Er hat ja recht.“ sagten die einen. „Er hätte besser die Klappe gehalten.“ sagten die anderen. In jedem Fall sollte man sich fragen, inwiefern jemand eine Sache be(ver-)urteilen darf, von der er keine Ahnung hat.

Heute morgen las ich bei Tutsi über einen angeblichen Dschungelcamp-Fake und sah dazu einen Videoausschnitt der Sendung Frontal 21. Alles Schwindel, wird da suggeriert. Der Teich ist mit einer Plastikfolie ausgelegt, im angeblichen Urwald hängen Kameras und neben dem Camp gibt es eine Containerstadt.

Öh. Ja? Ich frage mich, ob die verantwortlichen Redakteure die Sendung jemals gesehen haben. Denn dann wüssten sie, daß das eine bekannte Angelegenheit ist, die RTL auch niemals verschleiert hat. Daß überall Kameras in eigens dafür geschaffenen Boxen stehen, dürfte ohnehin keinen überraschen (ansonsten hätte wohl Uri Geller seine Finger im Spiel…). Und auch eine Containeranlage ist doch nicht verwunderlich? Oder wird Dr. Bob bei jedem Fingerschnitt eingeflogen? Werden die Sterne, das Dschungelprüfungsequipment, die Nahrungs- und Verbrauchsmittel, die Kameras und die Wachturm-Deko sowie das Ekelviehzeugs jedesmal aufwendig herbeigeschafft? Auweia, wie naiv ist man denn mittlerweile bei den Öffentlich-Rechtlichen?

Das Camp ist selbstverständlich eine künstliche Anlage, und das wurde von RTL schon VOR dem allerersten Dschungelcamp gezeigt.

Die „Wir-sind-zu-fein-darüber-zu-berichten“ – Öffentlich-Rechtlichen wollten nach eigener Aussage ja eigentlich gar nichts über das Igitt-Format erzählen, wäre ja auch Werbung.

Ja, was will man denn dann?

Naja, sich abheben von dem privaten Sumpf. Und das klappt natürlich am besten, indem man sensationslüsternd auf Enthüllungsjournalismus macht. Hätte man es doch lieber gelassen. Der Bericht hat nicht mehr Niveau als sämtliche Dschungelprüfungen zusammen. Man fühlt sich in den Kindergarten zurückversetzt: „Der Hannes hat einen neuen Pulli, den alle toll finden. Aber, pöh, der Hannes stinkt!“

Das Schlimmste daran ist, daß die Diskussion um Schmerzgrenzen, Senderverantwortung, Menschenwürde oder Qualitätsfernsehen überhaupt nicht mehr geführt wird. Warum gibt es keine Berichte, die die Manipulation der Macher an den Bewohnern des Dschungelcamps vorführt? Oder ist dort niemandem aufgefallen, daß der Fokus erst auf der so dargestellten hysterischen Lorielle, dann auf der pösen, pösen Zicke Giulia und dann auf Schnarchnase Bond lag? Und hui, Überraschung, genau diese wurden in die jeweilige Dschungelprüfung gewählt…

Es gibt dutzende Ansätze, über dieses TV-Format herzufallen, es zu zerpflücken und dessen Widerwärtigkeit bloßzustellen. Aber nicht, indem man in die gleiche Kerbe schlägt.

Lektion für Schüler: Wie man lernt, was Politik, Intoleranz und Journalismus bedeuten


Daß man mit schulischen Aktivitäten auch für’s Leben lernen kann, durften kürzlich zwei Schüler erfahren, die mit einem Artikel in einer deutschlandweiten Schülerzeitung (Q-rage) den Zorn evangelikaler Christen auf sich zogen. Der Artikel befasst sich mit einer christlichen Veranstaltung dieser Gruppierung, genannt Christival. (Hier als PDF zum Download angeboten). Die Autoren bewerten sowohl das Festival als auch die Anhänger sehr kritisch. Unter anderem unterstellen die beiden Jungs den Anhängern dieser religiösen Strömung teilweise Intoleranz und untermauern dies mit in der Tat fragwürdigen Seminaren/Vorträgen, die im Rahmen des Festivals angeboten wurden oder werden sollten, zitieren Aussagen einer bekennenden Evangelikalen und lassen auch Gegner zu Wort kommen.

Evangelikale Funktionäre zeigten sich denn auch gleich von ihrer intolerantesten Seite und griffen den Artikel und ebenfalls das der Schülerzeitung beigefügte Empfehlungsschreiben des Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, Herrn Krüger von der SPD, scharf an. Denn dort heißt es:

„In der Zeitung finden sich interessante Informationen, wie islamistische und evangelikale Gruppen, die wichtige Freiheitsrechte in Frage stellen, Jugendliche umwerben.“
(Quelle)

Der Vergleich Evangelikale mit Islamisten wiegt in den Augen der Evangelikalen besonders schwer.

Tatsächlich ist es doch so, daß jede Religion gleich agiert, jeder Extremismus, jeder Fundamentalismus die gleichen Strategien anwendet, um die Umworbenen in möglichst nicht denkenden Schäfchen zu verwandeln, damit sie sich problemlos in die gegebene Machtstruktur einfügen.

Insofern kann ich verstehen, daß sich die Evangelikalen angegriffen fühlen. Der Vergleich trifft in meinen Augen den Nagel auf den Kopf und ein gerechter Vorwurf erregt verständlicherweise Zorn, weil man sich zu Recht ertappt fühlt.

Das lächerliche und kindische Echauffieren bewegt mich eigentlich kaum. Auch nicht, daß mit Boshaftigkeit und einem interessanten Verständnis von Nächstenliebe auf zwei Teenager losgegangen wird. Das war im Prinzip von solchen radikalen Gruppen zu erwarten. Für die beiden Autoren ist das schon mal eine gute Lektion in Sachen Journalismus: Über alles kannst du schreiben, alles angreifen, alles karikieren – nur bei Religion, da hältst du besser das Maul. Denn da hört das Verständnis auf und schlimmstenfalls fürchtest du um dein Leben.

Was mich maßlos ärgert, worüber ich mich stundenlang aufregen könnte, was mich so wütend macht, daß ich schreien könnte, daß ist das Verhalten von Herrn Krüger. Wie wenig Rückgrat muss man haben, um sich nach der Kritik so widerwärtig zu verbiegen und den Autoren so grausam in den Rücken zu fallen:

Thomas Krüger und seine Bundeszentrale reagierten auf ihre Art: Sie distanzierten sich – und zwar nicht von den Evangelikalen, sondern von „Q-rage“ und dem Artikel von Samuel und Hannes. „Die bpb hält diesen Beitrag in seiner Einseitigkeit und Undifferenziertheit für gänzlich unakzeptabel.“
(Quelle)

Warum dann die Empfehlung? Tja, auch dafür gibt es eine wirklich plausible politische Begründung:

„Wir haben auf die ausgewogene Berichterstattung früherer Ausgaben vertraut“, (…), „im Stress habe ich dann mehr oder weniger blind unterschrieben, und so ist die bedauerliche Formulierung durchgerutscht.“
(Quelle)

Und die Deppen, die solche Vollpfosten wählen und in die entsprechenden Positionen bringen, das sind wir.

Herr Krüger hat meine vollste Verachtung und mein Mitleid dafür, daß er nicht die Courage besitzt, sich hinter zwei Jugendliche zu stellen, die im Grunde nichts falsch gemacht haben.

Weihnachten ist ein friedliches und besinnliches Fest. Christen feiern an Weihnachten die Geburt Jesu Christu, der in der bekannten Bergpredigt ua. folgendes gesagt haben soll:

Ihr habt gehört, dass gesagt wurde: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben, aber deinen Feind hassen.‘ Ich aber sage Euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch verfluchen, tut Gutes denen, die euch hassen, bittet für die, die euch beleidigen und verfolgen: So werdet Ihr Kinder eures Vaters im Himmel sein.

Wenn man sich als bibeltreuer Evangelikaler auf das Neue Testament beruft, sollte man die Stelle eigentlich kennen und wenn man sich in der entsprechenden Position wähnt, sollte man die eigenen Grundsätze beherzigen.

Zum Thema:

Spiegel online
Taz
Fefe

Kluge Antwort auf doofe Frage


Die meisten Interviews sind schrecklich zu lesen. Entweder – und in den meisten Fällen – weil der Fragesteller eine dämliche Belanglosigkeitsaufforderung nach der nächsten raushaut oder weil der Befragte tausendmal gehörte Standardantworten und Pseudoweisheiten von sich gibt, die letztlich niemanden wirklich interessieren.

Eine wirklich schöne Frage-Antwort-Passage habe ich eben gelesen. Aus einem Interview der Zeit mit Loki Schmidt:

ZEIT: Die ganze Familie kam in dem Film vor.

Schmidt: Ja, auch unsere Tochter Susanne als kleines Purzelchen. Ich hatte ihr extra ein Kleid genäht – neu gekauft wurde damals nichts –, ich weiß noch, es war weiß mit kleinen Blüten. Und dann gab es bei Trebitschs Pfirsiche. Extrem reife Pfirsiche. Und natürlich tropfte Saft aufs Kleid…

ZEIT: Haben Sie geschimpft?

Schmidt: Davon geht der Fleck nicht weg, oder?

Quelle: ZEIT