Frauenzeitschriften im Test – Brigitte


2.60 Euro habe ich bezahlt und das einzige, was mir vom Lesen in Erinnerung blieb, ist, dass man Fleisch in Wasser braten kann, um Fett zu sparen.

Mit Brigitte lernte ich Möbel bauen, marmorieren, Steine meißeln, Leder bearbeiten und krakelieren. Meine Mutter war in den 80er Jahren Dauerabonnentin und ich erinnere mich gut, dass wir uns oft um das Heft stritten, sobald es der Postbote brachte. Brigitte war kreativ, modisch nicht abgehoben und bodenständig. Einige Dossiers waren tatsächlich lesenswert, andere für mich als Teenager bahnbrechend (Sex von A-Z). Elke Heidenreich schrieb noch die Kolumne und die Reportagen waren nicht selten feministisch angehaucht.

Irgendwann verschwand der Kreativ-Teil, verschwand Elke Heidenreich, verschwand die bodenständige Mode. Schließlich, Anfang der 90er Jahre verschwand auch meine Mutter als Abonnentin. Auf Brigitte stieß ich erst wieder, als die Zeitschrift letztes Jahr mit ihrer Ankündigung, künftig auf professionelle Models zu verzichten, Furore machte. Die Idee fand ich großartig und meine Erwartungen waren hoch. Allerdings muss ich zugeben, dass ich nicht wirklich die Absicht hatte, mir die Brigitte zu kaufen.  Dass ich schließlich bei der zweiten Ausgabe dieses Jahres doch zugriff, hat eigentlich traurige Gründe: Meine Gedanken sind momentan mit vielen unspaßigen Dingen beschäftigt, so dass mir die Konzentration auf ein Buch enorm schwer fällt. Ich brauche aber Lektüre für die S-Bahn und die Badewanne.

Um es vorweg zu nehmen, Brigitte hatte sich ja schon verändert, als meine Mutter sie noch las, aber die mir vorliegende Ausgabe hat mit der Zeitschrift meiner Erinnerung nur noch den Namen in der bauchigen Titelschrift gemein.

Als erstes fällt natürlich die Initiative „ohne Models“ auf, die Brigitte auf dem Titel bewirbt. Der Blick auf die Modefotos ist allerdings ausgesprochen ernüchternd. Prangte nicht überall der Hinweis, wäre es vermutlich keinem aufgefallen, dass es sich bei den fotografierten Kleiderständern um „normale“ Frauen handelt.. Sie sind dürre Hungerhaken wie gehabt, haben aber jetzt einen Namen und auch das Alter ist mit angegeben. Tatsächlich sind die Frauen ca. doppelt so alt wie die herkömmlichen Models, also in etwa um die 30. Dank Photoshop spielt das Alter aber ohnehin keine Rolle mehr, man denke nur an Simone Thomalla, die ihr Selbstwertgefühl (und der Grafiker ihre Bilder) im Playboy aufpolieren musste.

Da sehe ich also die schöne, schlanke Isabel Jauss. 31 Jahre alt, aber auf den Fotos ginge sie locker als 18-jährige durch. DAS soll mein Selbstwertgefühl stärken? Nein, eher neidvoll blickt man auf die gut aussehenden, gepimpten Thirty-something-Karrierefrauen (Fotografin, Architektin, Schauspielerin, Moderedakteurin, Masseurin – in BARCELONA!, nur die Kellnerin fällt aus dem Rahmen) und blättert gleich frustriert nach hinten zur Brigitte-Diät. Das ist natürlich großartig. Man wirbt vollmundig damit, man wolle das Frauenbild revolutionieren und fügt gleich mit der ersten Ausgabe umfangreiche Diättips bei. Thema verfehlt möchte man als Korrektorin darunter setzen. Dass es übrigens auch anders geht, habe ich – ganz wieder Erwarten – in einer anderen Frauenzeitschrift gesehen, deren Beurteilung demnächst folgen wird.

Neben Mode gibt es in der Brigitte natürlich noch andere Themen. Beauty, Kochen, Reisen und Wohnung, wie in praktisch jeder Frauenzeitschrift, dazu Reportagen, Interviews und das Dossier „Eifersucht“.Darüber kann man nichts schlechtes sagen, stilistisch mittelmäßig, inhaltlich ok, aber doch eher durchschnittlich, langweilig, nicht wirklich lesenswert. Positiv fallen die schöne Fotos auf und das Layout ist auch ansprechend.

Kaufe ich die Brigitte nochmal für einen S-Bahntrip oder eine Badewannen-Session? Nein, eher nicht.

Preis: 3 von 6 Punkten
Layout: 4 von 6 Punkten
Mode: 4 von 6 Punkten
Reportagen: 3 von 6 Punkten
Beauty: 3 von 6 Punkten
Deko/Kreativ: 2 von 6 Punkten
Kochen: 4 von 6 Punkten

Gesamt: 23 von 42 Punkten.

Geeignet für: Frauen ab 30, die Charlotte Link oder Paulo Coelho lesen, die gerne im Depot einkaufen und grünen Tee trinken.

Mein Rat an Brigitte:
Denjenigen, der sich den Werbespruch „Ich bin Brigitte“ ausgedacht hat, feuern und generell die Kampagnenewerbung „ohne Models“ einstellen. Das Konzept beibehalten, aber mit richtigen Laienmodels, die Rundungen, Ecken und Kanten haben, die im Rollstuhl sitzen, klein oder dick sind und deren Gesichter Hakennasen, Zahnspangen oder Tattoos zieren. Wenn es Euch gelingt, DIESE Frauen schön und ansprechend zu fotografieren, DANN habt Ihr wirklich das gesteckte Ziel erreicht. Nehmt Euch ein Vorbild an Dove.

Zum Haare raufen


H+M wirbt zur Zeit – großangelegt und omnipräsent – mit einem bärtigen männlichen Model, zum Teil gewandet in Strickpulli und Wollschal. (1) Sofort kommen einem diskriminierende Gedanken in den Sinn. Etwa Waldschrat, Ökoheini, langhaariger Bombenleger, Wollzausel, Catweazle und ähnliches. Man muss es sich ganz klar eingestehen: Es ist der Bart, der den Mann für das persönliche Empfinden ästhetisch entstellt und Vorurteile erweckt. Bärte sind schließlich out und nur wenige kämpfen in verzweifelter Singularität für den Erhalt der Kinnbehaarung.

Haare sind etwas ganz und gar unanständiges geworden.  Angefangen hat es mit Achselbausch und Wadenflaum, es folgte die männliche Brustwolle und irgendwann in den 90er Jahren fielen die Schamhaare der Rasur zum Opfer.  Es scheint so, als wollten wir die Evolution mit Gewalt vorantreiben. Schließlich brauchen wir das Körpergestrüpp ja gar nicht mehr. Also weg damit.

Wie weit die Abneigung gegen die eigene Behaarung fortgeschritten ist, zeigt die gleichgeschlechtliche Diskriminierung. Frauen lästern über behaarte Frauen, beschimpfen sie als ungepflegt, um sich selbst einen sexuellen Vorteil zu verschaffen (eigentlich ja der Hauptgedanke bei gleichgeschlechtlichen Lästereien, neben der Kompensierung des eigenen Minderwertigkeitsgefühls). Mittlerweile ist die Haarintoleranz so weit fortgeschritten, dass man sich vor den eigenen sprießenden Härchen ekelt und die Müttergeneration belächelt, die die Damenrasierer auf dem Scheiterhaufen der sexuellen Diskriminierung zusammen mit ihren Büstenhaltern verbrannte.

Und üppte bei der Garde der männlichen Schauspieler bis in die 80er-Jahre noch die Brustbehaarung, rennen sie heute scharenweise zur Wachsfolter oder zum Laserbeschuss. Bärte haben nur alte Männer wie Sean Connery oder überdrehte Figuren wie Captain Jack.
Magnum, Gallionsfigur aller Bartträger,  finden  in Wahrheit auch nur Kerle attraktiv. Keine mir bekannte Frau im Alter von 14 bis 40 kann dem potenzgestreiften Gesicht Tom Sellecks etwas abgewinnen.

Und so stehen die Männer, die man heutzutage Jungs nennt, frisch epiliert mit ihren eitlen Bubigesichtern vor dem H+M Plakat und bewerten mit gewisser Schadenfreude das bärtige Modell. Der moderne metrosexuelle Mann kann der Stutenbissgkeit durchaus etwas abgewinnen und sie für sich übernehmen. Man fühlt sich auch gleich viel attraktiver, wenn der Mann auf der Plakatwand so gar nicht dem Schönheitsideal entspricht. Und dass Werbung dieser Art erfolgreich ist, zeigen die Dove-Kampagnen.

Selbstverständlich war das nicht die Intention der Werbeagentur. Vermutlich ist die Aktion ein verzweifelter (und zu 100% erfolgloser) Versuch, dem Bart wieder sexuelle Attraktivität zu verleihen. (Siehe Johnny Depp, Joaquin Phoenix, Brad Pitt u.viele, viele a.)

Haare, besonders Körperhaare sind ein Zeichen dafür, dass der Mensch erwachsen ist. Erwachsen ist aber gleichbedeutend mit dem Übernehmen von Verantwortung. Und das Übernehmen von Verantwortung ist gleichbedeutend mit alt. Und alt ist definitiv sexuell unattraktiv. Und darauf läuft von der Berufswahl über den Autokauf und die Kleiderwahl alles hinaus.

In unseren Köpfen sind wir alle zu Kinderfickern geworden, die rasierte Mösen und eine epilierte Brust brauchen, um ihre Illusion von Jugendlichkeit nicht zu zerstören. Und diese Entwicklung geht wenig überraschend Hand in Hand mit dem steten Entzug aus der Verantwortung. Bleibt zu hoffen, dass das nicht wieder ein Bartträger zu seinen Gunsten zu nutzen weiß.

(1) Ich würde gerne auf die aktuelle H+M-Werbung verlinken. Leider ist die Website von Hennes und Mauritz so grottenschlecht, dass mir das nicht möglich ist. Bei Interesse muss man sich also durch die neue Herbst-Kollektion klicken, um den Mann mit Bart zu finden. Wer sich das antun möchte, kann es hier tun: http://www.hm.com/de/fashion/herbstmode__ff09.nhtml#/ff09/