Die Invasion der trivialen Grütze


Ich habe soeben ein absolut blödes Buch zu Ende gelesen. Der Klappentext wies es als geeignetes Badewannen- und S-Bahn-Buch aus. Innen wurde es dann als Vatikan- bzw. Sakralthriller beworben. Church and Crime passt von jeher gut zusammen und liest sich meist zwar belanglos, aber wenigstens spannend.

Dieses Buch jedenfalls, „Das vierte Geheimnis“ von Joseph Thornborn, hätte ich mir sparen können, bzw. es hätte gereicht, es beim Lesen des Klappentextes zu belassen. Denn dort wird eigentlich alles gesagt: Der Untergang des Abendlandes?

Und genau darum ging es: Um eine, ein paar Hirtenkindern von der Muttergottes Maria höchstpersönlich prophezeite Invasion des Islams ins alte Europa und damit die Einläutung der Apokalypse (Moslem als Anti-Christ, der den Menschen Chips einpflanzen will – das Zeichen des Tiers!).

Offensichtlicher habe ich, meine ich jedenfalls, noch nie die verborgenen und auch abstrusen Ängste eines Autors in einem Buch wiedergefunden.

Mal ganz abgesehen davon, dass es aus göttlicher Sicht schon reichlich dämlich ist, die Verhinderung der Apokalypse in die Hände analphabetischer Kinder zu legen und dann auch noch verschlüsselt, bemerkt man schnell, dass in dem gesamten Buch nie ein viertes Geheimnis auftaucht, denn es gibt nur drei „Geheimnisse“, genannt Prophezeihungen von Fatima.

Wahrscheinlich ist das vierte Geheimnis schlicht die Frage, wie so ein Geschwurbel überhaupt jemals einen Verlag gefunden haben konnte.

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Cogito ergo Hellmann sum


Und wieder einmal hat sich ein Hamburger Künstler in gestalterischer Simplizität und wortgewaltiger, philosophischer Ausdruckskraft selbst übertroffen.

Der geneigte Leser mag ebenso wie ich in Demut verharren angesichts der tiefen inhaltlichen Präzision, mit der der Sinn unseres Daseins geradezu metaphorisch und wohlgewählt auf eternitären Untergrund seine gesamte Schönheit offenbart.

Nun mag man sich fragen: Wer ist Hellmann? IST Hellmann? Und wenn ja, wie und warum?

Zaghaft, mit vorsichtigen und zurückhaltenden Lettern hat ein weiser Wanderer einen Versuch der Erklärung hinterlassen.

Hellmann. Ja, Hellmann ist. Und zwar ein NASI.

Welch wunderbare Allegorie auf den ontologischen Zweifel unserer Zeit, welch schamhafte anachronistische Verleugnung!

Hellmann, der NaSionalsozialist. Mitglied der NZDAP und der ZZ. Hier ein Bild eines entfernten Verwandten, der auch Namensgeber der berühmten Hellmann-Medaille war.

Doch um die Zwiespältigkeit des menschlichen Bewußtseins in seiner vollen Gänze auszuarbeiten, scheut sich der kluge Künstler nicht, Nasi Hellmann zugleich zum hebräsichen Fürsten emporzuheben.

Aber damit nicht genug! Der Künstler arbeitet auch die vernichtende Bedeutungslosigkeit des Daseins heraus und vollendet damit die häretische Trinität der Ontologie: Hellmann, der Nasi, ist ein Mensch. Ein Mensch unter vielen und damit nicht besser als ein Reiskorn auf einem Reisfeld. Nasi, so weiß der strebende Sucher der Wahrheit, das ist der Reis.

Und so bleibt die Essenz des kraftvollen Beweises der philosphischen Gefälligkeit des Hamburger Künstlers, reduziert auf ein Korn. DAS Körnchen Wahrheit, gefasst in kurze, wohlklingende Worte.

Doch das Wort macht uns nicht zum Menschen, es macht uns nicht zum Hellmann. Denn, und das ist der reine Ursprung der Wahrheit:

Worte kochen keinen Reis.
(asiatisches Sprichwort)

Die Bedeutung der Hamburger Scheibenwelt


Ich will mich ja eigentlich gar nicht über die Rechtschreibkenntnisse Hamburger Graffitikünstler auslassen. Auch wenn es durchaus auffällig ist, daß die Lehre der Orthographie in den hiesigen Schulen defizitär behandelt wird. Doch will ich nicht urteilen! Ich möchte keinesfalls ausschließen, daß manche Worte im Land Hamburg letztlich anderen Rechtschreibregelungen unterliegen als dies bspw. im Land Sachsen der Fall ist.

Außerdem, und darauf möchte ich hinaus, steckt hinter so interessanten Wortkreationen wie „Wilhamfburg“ oder „Raimbow“ mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein anarchodadaistischer Intellektueller, der Geheimbotschaften und Weltwitz kalkuliert und gekonnt graphisch umsetzen kann. Oder er hat bösen Schnupfen…

Sein neuestes Werk ist allerdings an feinsinniger und hintergründiger Treffsicherheit kaum zu überbieten. Zwischen ebenso bunten wie alltäglichen Wandmalereien prangt im Hamburger Hafen sein neues Credo ontologischer Weltanschauung, das – in schlichtem Schwarz gehalten – seine ganze Schönheit auf grauem Beton entfalten kann. Der Vorüberfahrende blickt zunächst irritiert auf die mit zitternder Dose gesprühten Majuskeln und vermag ihren Sinn nicht zu entschlüsseln:

HAMBURG IST SCHEIBE!

Die philosphische Durchdrungenheit wird einem erst unter näherer Betrachtung und in Zusammenwirkung mit der keineswegs zufällig gewählten Umgebung offenbar. Dort, wo Schiffe aus aller Welt entladen werden, prangert dieser kurze und bescheidene Satz die Oligarchie der Wissenschaft und die Verunglimpfung theologischer Antithesen durch ebendiese an. Wie ein zitternder David sich dem übermächtigen Goliath entgegenstellt, recken sich die krakeligen Buchstaben frech und aufmüpfig den großen Schiffen dieser Welt entgegen.

Es springt einem sofort ins Auge, daß Hamburg hier als Synonym verwendet wird. Selbstverständlich kann nur ein wahrer Lokalpatriot eine solch kunstvolle Metapher fabulieren. Ja, Hamburg ist die Welt. Doch anders als im bekannten Goetheschen Hexameter: Eine Welt zwar bist du – o Rom. Doch ohne die Liebe wäre die Welt nicht die Welt, wäre denn Rom auch nicht Rom. kann Hamburg auch und gerade ohne Liebe demonstrieren, daß es ein Alles, eine ebenso liebevolle wie herzlose Übermutter sein kann, von der man sich nicht trennen möchte.

Die Welt ist also eine Scheibe. Wir erinneren uns an den Mythos der Flachen Erde, an den angeblichen Disput zwischen Klerus und dem Weltentdecker Christoph Kolumbus. Die Borniertheit und die Gedankengewalt hinter klassischer Anschauung wird uns sogleich gewahr.

Doch wir geben uns einem Trugschluss hin! Gekonnt versucht der Künstler, uns auf den Irrweg zu führen, wie den gefangenen Menschen im platonischen Höhlengleichnis. Der Betrachter denkt, er hätte die Fesseln der oberflächlichen Betrachtung abgestreift und das Feuer erblickt. Doch muss er noch einen Schritt wagen und aus der Höhle treten, um das Sonnenlicht zu erkennen!

Denn keineswegs möchte der metaphysische Ausdruck uns auf das Kräftemessen verschiedener Weltanschauungen hinweisen.  Jedenfalls nicht in tiefenpsychologischer Bedeutsamkeit.  Viel zu offensichtlich wäre die Aussage. Schließlich katapultiert sie geradezu die Warnung, sich keiner ideologischen Antikratie hinzugeben, in unser Bewußtsein. Vielmehr versucht der Urheber – und das ist die eigentliche Kunst – uns zu einem tiefgründigeren Blick zu bewegen. Eben gerade durch die Offensichtlichkeit sollen wir genauer hinsehen, unseren Blick schärfen.

Und wie ein Blitzschlag trifft uns die Erkenntnis. Wir reiben uns die Augen und können die Tücke und Genialtät des Autors nicht fassen!

HAMBURG IST SCHEIßE!

Da versuchte uns der Künstler mit einem Versal-Eszett in die Irre, ja gar in Versuchung zu führen! Und plötzlich sehen wir die humorvolle und zärtliche Verschnörkelung der Buchstaben, die wir für ein Resultat der zittrigen Hand gehalten haben!

Nein, sagt der Autor! Nicht der Inhalt macht den Satz, sondern die Buchstaben!

Damit verkehrt er unser gesamtes Weltbild ins Negative und karikiert unsere alltägliche Wortarroganz. Denn selbstverständlich ist jedem vernunftbegagten Menschen bewußt, dass der nun tatsächlich gewahr gewordene Inhalt des Satzes blanker Unsinn ist, sein muss!

Und das dies kein Einzelfall ist, ist die Lehre, die wir aus dem Kunstwerk ziehen sollen. 😉

Die außergesellschaftliche Verortung von Einsamkeit


Oder so ähnlich. Manche Sätze muß man ja zwei-, dreimal lesen, bevor man ansatzweise versteht, was gemeint sein könnte. Besonders in wissenschaftlicher Literatur findet man häufig Konstrukte, manche sogar seitenlang, deren Sinn man einfach nicht entschlüsseln kann.

Mein ehemaliger Professor für Arbeitsrecht sagte einmal, wer sich nicht klar ausdrücken könne, der verwende möglichst viele Fremdworte. Ein paar hielten sich daran und erhielten Punktabzug. Muhahaha. (Geschadet hat es aber nicht. Sind heute sicherlich alle Anwälte und Richter.)

Eine nützliche Empfehlung gab uns auch ein Strafrechtsprofessor mit auf den Weg: „Schreiben Sie so klar und verständlich, daß es auch der lezte Depp verstehen kann. Immerhin haben Sie es zukünftig bevorzugt mit Juristen zu tun.“

Das hat dieser Journalist/Autor wohl versäumt:

„Bei Politikern, so scheint es, ist die Behauptung von Einsamkeit die letztmögliche Form eines heroischen Habitus. Der beständigen öffentlichen Kritik ausgesetzt, entzieht sich der Politiker ihr mit der Suggestion einer einsamen Charaktertiefe, die nur außerhalb der Gesellschaft zu verorten sei.“ (Quelle)