Ich bin Kriegerin des Lichts!


Anna ist Ende 50 und eine sehr religiöse Frau. Sich selbst würde sie niemals so bezeichnen, denn Religion ist in ihren Augen etwas für angestaubte Eunuchen. Sie dagegen ist modern und frisch. Ihr Gott hat viele Gesichter. Vorallem ist er aber eines: pure Energie. Sie ist umgeben von Engeln, mit denen sie spricht und die sie begleiten. Sie ist eine Kriegerin des Lichts, die der Welt helfen wird, im Jahr 2012 einen Wandel zu vollziehen. Sie bereitet den Aufstieg der Menschheit vor.

Anna hat früh geheiratet und Kinder bekommen. Eigentlich wollte sie das nicht, aber die Kinder verschafften ihr Anerkennung. „Du bist eine gute Mutter, Anna.“ sagten die Leute. Und Anna fühlte sich bedeutsam.

Gelernt hat sie nichts. „Frauen heiraten doch.“ hieß es in ihrer Familie. Und es sind ja Kinder da, um die sie sich zu kümmern hat. Ihr Mann betrügt sie. Er ist ja auch noch jung. So ist das mit den Männern. Anna will sich aber auch selbst finden, ihr Leben ordnen. Als erstes trennt sie sich von ihrem Mann. Da ist sie 20.

Sie fühlt sich überfordert. Ihr Leben ist so sinnlos. Sie sitzt in einem Zimmer und sieht den Kindern beim Spielen zu. Sie spricht in Babysprache. Wann hat sie sich das letzte Mal mit einer Freundin unterhalten? Wann ist sie ausgegangen? Anna denkt an Selbstmord.

Als sie ihn kennenlernt, weiß sie sofort, dass es nicht die große Liebe ist. Aber sie braucht einen Versorger. Sie ist jetzt über 30 und hat die wechselnden Bekanntschaften satt. Anna heiratet Carlo und bekommt bald darauf ein Kind.

Carlo ist ein Pascha. Seine Rollenvorstellung sind klar definiert. Sobald er die gemeinsame Wohnung betritt, wird er nicht einen Finger rühren. Anna dagegen arbeitet rund um die Uhr. Sie versorgt die Kinder, kümmert sich um das Baby, geht Einkaufen, kocht und säubert die Wohnung. Sie schläft nur noch vier Stunden, Freundschaften vernachlässigt sie. Zum Denken kommt sie gar nicht mehr. Wieder plagen sie Suizidgedanken.

Die großen Kinder sind endlich aus dem Haus. Anna fühlt sich ein wenig entlastet. Sie beginnt sich für die Natur zu interessieren. Sie besucht Bioläden und setzt sich mit den Antroposophen auseinander. Ein wenig Zeit hat sie, um zu lesen. Im alternativen Buchladen findet sie Silberbirkes Rede und ein Buch über die menschliche Aura. Ausgehungert verschlingt sie jedes Wort.

Anna hat sich eine kleine Bibliothek zusammengespart, indem sie kleine Beträge von dem ihr zugewiesenen Haushaltsgeld abzwackt. Sie ist stolz auf ihre Bücher über Meditation, Bewußtseinserweiterung, Auralesen, Zahlenorakel, Naturphilosophie. Eines Tages ersteht sie ein weiteres Werk. Es geht um Engel. Anna fühlt sich verstanden. Die Wahrheit strömt aus diesem Buch. Sie findet wieder, was sie selbst beobachtet hat. Alles ist nun schlüssig.

Sie ist jetzt fast 50. Eigentlich ist es doch zu spät. Aber warum nicht? Sie ist gegen Abtreibung. Also wird sie das Kind bekommen. Sie nennt es Gabriel.

Anna fühlt, wie sie Macht durchströmt. Sie ist von den Engeln beseelt, vom göttlichen Licht durchflutet. Sie ist eine Hellseherin, kann Astralreisen unternehmen und mit Tieren sprechen. Sie ist frei. Solange sie sich in ihrem Universum befindet.

Gabriel ist ein Indigokind. Er wird ein Gott. Allmächtig und unsterblich. Er wird die Welt retten. Anna weiß das und bereitet Gabriel darauf vor.

Ihre Familie benimmt sich merkwürdig. Es kommt häufig zum Streit. Der Älteste will nichts von ihren Engelsbotschaften wissen. Sie ist ratlos. Dabei ist er doch auch auserwählt. Vielleicht wird er von den Engeln geprüft. Die Tochter ist in einem anderen Land. Alles begründet und erklärt sie mit ihrem bärtigen Gott. Anna hasst den bärtigen Gott und bekehrt ihre Tochter zu den Engeln.

Carlo und der mittlere Sohn werden immer aggressiver. Anna fühlt die bösen Kräfte der Ungläubigen. Sie werden bestraft werden. Das weiß Anna. Und sie lächelt bei dem Gedanken.

Anna sitzt in der Küche und betet zum Erzengel Gabriel. Er möge ihre Wohnung vor dem Teufel schützen und die Räume reinigen. Immer wieder wiederholt sie den einen Satz. Er wird sie schon erhören. Er wird alles zum guten wenden. Er hat es ihr versprochen. Ein Haus bekommt sie und viel Geld. Das hat er gesagt.

Die Fenster dürfen nicht mehr geöffnet werden. Das Böse wird sonst ins Haus kommen. Anna hat diese Anweisung gegeben und ihr ältester Sohn, mittlerweile wohnt er wieder bei ihr, hat sich ihr widersetzt.  Anna schlägt ihm die Türe vor der Nase zu. Wie kann er es nur wagen!! Anna weiß, dass sie sofort handeln muss, bevor der Teufel die Räume verunreinigt. Sie schlüpft auf den Balkon, setzt sich auf den Tisch und betet.

Anna fragt nicht, ob sie sich glücklich fühlt. Sie fühlt sich mächtig und bedeutsam. Sie wird die Welt retten, sie wird die Bösen mit Licht durchfluten. Mittlerweile hat sie Kontakt mit Außerirdischen aufgenommen. Diese heilen sie. Anna fühlt ihre Unsterblichkeit. Die Venusianer, die Wesen vom Sirius, die Kreaturen von Alpha Centauri, sie bestätigen Annas Macht. „Du bist etwas besonderes, Anna.“ sagen sie.

Anna war meine „Schwiegermutter“. Als ich sie kennenlernte, war sie mit Gabriel schwanger. Schleichend bemächtigte sich die Esoterik ihres Verstandes. Heute lebt sie in ihrer eigenen Welt. Ihre Familie ist hilflos, weiß sich und ihr nicht zu helfen. Nur Gabriel steht zu ihr. Er denkt tatsächlich, er sei ein allmächtiger Gott.

Es trifft mMn häufig Frauen in Annas Alter. Gerade keine dummen Frauen, sondern Frauen, die sich ihr Leben lang, beschränkt auf Haushalt und Kinder, bedeutungslos gefühlt haben und nun ihre Machtphantasien ausleben müssen. Sie brauchen einen Gegenpol und den finden sie in der für sie sehr schlüssigen Esoterik (bzw. in Teilgebieten, gerade die Engelsgläubigkeit ist momentan sehr populär).

Anna ist sicher ein Extremfall. Aber er zeigt, was Religion aus einem leicht zu beeinflussenden Menschen, besonders aber aus einem mit geringem Selbstwertgefühl, machen kann, in welchen Fanatismus sie ihn treiben kann. Dabei kann keine Religion, kein Glaube ausgenommen werden. Jeder Glaube, jede Religion spielt mit Machtgedanken, Dünkelhaftigkeit, Rachegelüsten und Sinnverleihung bei den Opfern/Gläubigen.

Die Esoterik mit ihren unterschiedlichen Strömungen, z.B. Hexenglauben, Lichtkrieger, Glaube an heilige Außerirdische usw., ist besonders verführerisch, weil sie Spielraum lässt, weil sie sich besser darstellt, als die herkömmlichen Religionen und weil sie häufig einen wissenschaftlichen Touch hat.

Momentan versuche ich, meinen Ex-Freund davon zu überzeugen, dass Anna professionelle psychologische Hilfe braucht und dringend von Gabriel entfernt werden muss, der ohnehin am meisten Schaden genommen hat.

(Sämtliche Namen habe ich selbstverständlich geändert.)



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Veröffentlicht von

Katjalyse

Ich heiße Katja. Oder so ähnlich. Seit 2008 wohne ich in der norddeutschen Diaspora (Hamburg). Grund: Liebe. Bisher nicht bereut. Weder Liebe noch Hamburg. Ich blogge seit 2005, also schon ein paar Tage länger und unter verschiedenen Pseudonymen. Aktuell unter Katjalyse und auf dem Mitmachblog.

6 Gedanken zu „Ich bin Kriegerin des Lichts!“

  1. Toller Artikel, wirklich. Den letzten Absatz fand ich am besten weil du da auch klar sagst, dass hier auch gehäuft Verdachtsmomente für eine Erkrankung vorkommen; ggf. gibt es auch Möglichkeiten zu helfen, über psych. Betreuung der Mutter hinaus – das ist auch etwas mein Metier. Wenn du da noch ein paar Tipps willst, weißt du ja wie du mich kontaktieren kannst.

  2. Ich glaube Anna hatte nur die Wahl zwischen Tod und ihrem „Weg des Lichts“ und sie hat diesen Strohhalm ergriffen.

    Ein sehr schön geschriebener Post.

  3. Ja, die Gefahr der Religion und Esoterik ist nicht zu unterschätzen und auch nicht die Zahl der Frauen, denen es ähnlich wie Anna geht und ging. Ich denke aber nicht, dass es der einzige „Strohhalm“ war, sondern nur der bequemste.

    Wie alt ist Gabriel denn jetzt? Teenageralter?

    1. Ich gebe dir recht, es war sicher nicht der einzige Weg den sie hätte gehen können. Nur gab es wahrscheinlich niemanden, der ihr einen besseren Ausweg aus ihrem unglücklichen Leben zeigen wollte.

  4. Sehr interessanter und ergreifender Artikel. Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Erfolg bei Deinen Bemühungen, dass sich wieder alles zum Guten wendet!

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