Schlechte Erfahrungen


Es gibt ja diese Arbeitnehmermentalität, sich krank in die Arbeit zu schleppen oder Überstunden zu machen. Sich loyal zu zeigen, sich für das Firmenwohl aufzuopfern und eigene Belange zurückzustecken.

Menschen, die sich so verhalten, beäugen die, die zweimal im Jahr krank sind, misstrauisch oder lästern, wenn der Kollege pünktlich das Büro verlässt.

Es gibt diese Mentalität wirklich. Ich selbst hatte sie in allen Auswüchsen seit Beginn meiner Tätigkeiten gegen Entgelt im Alter von 16 Jahren bis vor ca. vier Jahren. Ich habe mich mit Fieber an den Schreibtisch gesetzt, war immer da, wenn jemand anderes ausfiel, habe Überstunden gemacht, teilweise sogar sehr exzessiv. Und nicht etwa, weil es meinen Arbeitgebern schlecht ging. Im Gegenteil!

Dann ging mir ein Licht auf. Ich hatte nicht einen Arbeitgeber, der meinen Einsatz honoriert hat! Und allein die Gnade, bei meinem Arbeitgeber arbeiten zu dürfen und seinen Reichtum zu mehren, sehe ich nicht als Auszeichnung für meine gelebte Loyalität an.

Und mittlerweile weiß ich: Es ist nichts bewundernswertes, sich so aufopfernd zu verhalten. Es ist einfach nur dämlich.

Das ist das traurige Fazit aus 20 Jahren Arbeit.

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Veröffentlicht von

Katjalyse

Ich heiße Katja. Oder so ähnlich. Seit 2008 wohne ich in der norddeutschen Diaspora (Hamburg). Grund: Liebe. Bisher nicht bereut. Weder Liebe noch Hamburg. Ich blogge seit 2005, also schon ein paar Tage länger und unter verschiedenen Pseudonymen. Aktuell unter Katjalyse und auf dem Mitmachblog.

8 Gedanken zu „Schlechte Erfahrungen“

  1. Immerhin!

    Es gibt Leute, die brauchen länger, oder einen großen Knall um das zu merken… Ein Kollege z.b. hat sich die letzten 40 Jahre kaputtgeschuftet (60 Stundenwoche als Normalfall, Tag & Nacht erreichbar usw…) und ist jetzt (noch 3 Jahre bis zur Rente) körperlich und geistig fertig. Drehschwindel, Tinnitus, zittrige Hände – das volle Programm also. So will ich mal nicht enden!

    Und da muss man dazu sagen, dass das NICHT vom Arbeitgeber angeordnet war, sondern er das „freiwillig“ gemacht hat, da er ja für die Firma völlig unentbehrlich ist…

    1. Da hast Du recht! Die eigene Eitelkeit spielt dabei (auch) eine ganz wesentliche Rolle.

      Leider allzuoft aber auch der Druck, meist die Dankbarkeit, überhaupt Arbeit zu haben, (und Du weißt, dass ich weiß wovon ich spreche) bzw. die Angst, die Arbeit zu verlieren, wenn man sich im normalen Rahmen bewegt.

      Häufig ist es auch eine Art Gruppenzwang. Wenn alle Kollegen es unkollegial empfinden, wenn man z.B. pünktlich um 5 das Büro verlässt anstatt bis um halb sieben dazubleiben (unbezahlt, versteht sich), dann ist man doch eher geneigt, sich diesem sozialen Druck zu beugen.

      Ich finde es mittlerweile unkollegial, unbezahlte Überstunden zu machen und kommuniziere das auch so an Kollegen.

      Das Dumme ist ja nur, dass ich selbst immer noch oft genug unbezahlte Überstunden mache oder krank zur Arbeit hetze, also mich an meine eigenen Richtlinien nicht konsequent halte. Allerdings lerne ich täglich dazu und schaffe es vielleicht eines Tages, mich nicht mehr wie Stückvieh behandeln zu lassen.

      1. Das mit der Dankbarkeit überhaupt Arbeit zu haben kenn ich. Bei uns in der Gegend ist das bei Leuten unter 40 wohl noch der am weitesten verbreitete Grund, um übermäßigen Einsatz zu zeigen, da es hier halt richtig übel aussieht. Strukturschwache Region oder so…

        Bei meiner besseren Hälfte z. B. ist es so, dass sie seit mittlerweile 6 Jahren bei dem Verein ist und immer nur Zeitverträge bekommt. Anfangs 3-6 Monate, jetzt im Dezember läuft nach 2 Jahren der längste Vertrag aus, den sie bisher hatte. Und natürlich kommt dann immer der Spruch: „Wenn ich mich nicht reinknie, dann wird der Vertrag nicht verlängert!“ Und da ist sie beileibe nicht die einzige, bei der das so läuft. Auch ne Art von Sklavenarbeit, die da praktiziert wird… Ach ja: Ist öffentlicher Dienst, also alles schön von Vater Staat so abgesegnet…

  2. Bei diesem Post unterschreibe ich dir aber jedes Wort. Ich habe die gleichen Erfahrungen gemacht. Bei mir war es das Credo der New Enconmy, das mich zu solch einem Arbeitverhalten geführt hat. Exzessiv Arbeiten war sexy, man hat nicht viel über Entlohnung und Burn-out nachgedacht. Es gab einen Gruppenzwang, wie du auch schreibst. Heute mach ich freiwillig nur noch dann Überstunden, wenn ich weiß das ich persönlich und unmittelbar davon auch profitiere.

  3. Gott sei Dank, habe ich nur zwei Jahre dafür gebraucht, das zu sehen.
    Bei meiner aktuellen Arbeit wird JEDE Überstunden aufgezeichnet und nach 30h zwangsausgeschüttet. Nicht das es viel wäre, aber der chef zeigt, damit dass die Arbeit, die man macht, was wert ist.

  4. Ich habe gerade eben erfahren was mein Chef im Jahr verdient. Vorher hatte ich schon keinen Bock darauf, ein dankbarer Sklave zu sein, aber jetzt erst recht nicht mehr.

  5. Ich glaube, es gibt wesentlich mehr von der Sorte, als man meint. Ich selbst hab das auch durch. Bis ich vor drei Jahren einen stressbedingten Hörsturz hatte und mich danach sofort selbst reduziert habe. Aber ich muss der Fairness wegen sagen, dass mein damaliger Chef sich auch sofort dafür eingesetzt hat, dass ich von meinem Pensum runter komme und mich entspanne. Es gab danach auch nicht etwa schlechtere Beurteilungen. Es war wirklich ok. Und heute mach ich dann Überstunden, wenn es wirklich nicht mehr anders geht, oder aber, weil ich ein paar zusätzliche Tage brauche, weil der Urlaub schon futsch ist. 🙂

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