Friseurin mit Stockholm-Syndrom


Stockholm-Syndrom, so bezeichnet man die Solidarisierung von Opfern mit Tätern, meist bezogen auf Entführungen. Ich weiß nicht, ob die Begrifflichkeit übertragen werden kann – ein Psychologe mag mich hier aufklären – aber es ist bekannt, dass sich auch Unterdrückte mit den Unterdrückern arrangieren, ihnen sogar gefällig werden.

Gut zu sehen ist das bis heute bei vielen Frauen, die andere Frauen, besonders solche mit feministischem Gedankengut, diffamieren oder allzu freiheitsliebende Frauen gesellschaftlich ächten, um männliche Anerkennung zu ernten. Auch bei Sklaven konnte man beobachten, dass sie sich ihrem Sklavendasein fügten und ihre minderwertige Stellung akzeptierten. Obwohl sie nahezu rechtlos waren, waren manche ihrem Herrn (und Unterdrücker)  sehr treu ergeben.

Und schließlich gäbe es keinen Adel, keine Könige, wenn Menschen nicht glauben würden, andere seien mehr wert als sie und es sei somit rechtens, dass sie (bis heute) ihr Haupt vor gekrönten Häuptern senkten, die sich zuvor und über Jahrhunderte an der Arbeitskraft des Verbeugenden (und seiner Vorfahren) mittels Gewalt bereichert haben.

Ich mag nicht spekulieren, warum das so ist. Tatsache ist jedenfalls, dass man dieses bedauernswerte Gebaren gerade in den letzten Tagen in den Medien häufig wieder beobachten konnte.

Da proletisiert eine Floristin (600 Euro netto/Monat) darüber, dass es nicht in Ordnung sei, dass ein Hartz-IV-Empfänger genauso viel Geld zur Verfügung habe wie sie. Die Friseurin (650 euro netto/Monat) stupidet eifrig vor den Kameras, es lohne sich ja gar nicht mehr, zu arbeiten, mit Hartz-IV hätte sie das gleiche Einkommen und sie könne den ganzen Tag faulenzen.

Ihr meinungsbildendes Medium dürfte die große Tageszeitung sein, die jüngst mit dem Spruch “Bin ich dumm, wenn ich noch arbeite?” ihr Titelblatt aufblödete.

Tatsächlich sollten die Friseurin und Floristin diese Frage mit JA! beantworten. Und sie tun es. Nur leider mit verquerer Erklärung, denn sie lassen sich für eine Schmutzkampagne der bildungsfernen Medien und der destruktiven Politik mit ihren lobbyistischen Vertretern instrumentalisieren.

Was soll ich von den Aussagen der beiden Arbeitnehmerinnen halten?

Zum einen höre ich aus der Aussage der Floristin heraus, der Hartz-IV-Empfänger solle weniger finanzielle Unterstützung erhalten als sie Lohn mit nach Hause nehmen kann. Umgekehrt bedeutet das außerdem, sie ist mit den 600 Euro, die sie in der Tasche hat, anscheinend zufrieden. Sie suggeriert mir, dass ihre Arbeit nicht mehr wert sei als die 3,75, die ihr netto pro Stunde übrig bleiben. Damit hat sie definitiv den Beweis ihrer Dummheit erbracht, denn offensichtlich kommt ihr nicht ansatzweise der Gedanke in den Sinn, dass sie sich langfristig nur schadet, wenn sie nach unten tritt, anstatt in aller Öffentlichkeit lautstark nach einem Mindestlohn zu rufen, der ihr eine menschenwürdige Bezahlung ermöglichen würde.

Die Friseurin verbreitet dagegen Falschinformationen. NIEMAND, der arbeitet, hat das gleiche Einkommen wie ein Hartz-IV-Empfänger in vergleichbaren Lebensverhältnissen, der sich auf die faule Haut legt. Ich selbst habe bei einer 40-Stunden-Woche knapp 400 Euro Lohn monatlich erhalten. Selbstverständlich konnte/musste ich Hartz-IV dazu beantragen. Von meinem Lohn blieb mir ein Anteil (ich glaube, es waren 160 Euro) übrig, der die damalige Grundversorgung von 345 Euro aufstockte.

Dass es natürlich eine absolute Ungeheuerlichkeit ist, dass mein ehemaliger Arbeitgeber den Staat bemühte, um mich in Lohn und Brot zu halten (und sich ein Mehrfamilienhaus und einen neuen BMW zu finanzieren), ist eine andere Geschichte. Dass es eine weitere Ungeheuerlichkeit ist, dass es so niedrige Löhne überhaupt geben darf und der Staat windigen Arbeitgebern bei ihrer Gewinnmaximierung hilfreich und andienend zur Seite steht, steht außer Frage.

Die Floristin und die Friseurin hätten jedenfalls absolut gar nichts davon, wenn man den Hartz-IV-Satz senken würden. Im Gegenteil. Und tatsächlich sind beide dumm, wenn sie noch arbeiten – für so eine geringe Entlohnung!

Aber wie die Schafe blöken in diesen Tagen viele ihr Halbwissen in die Welt und buckeln vor ihren Hirten. Ich frage mich, wann die breite Erleuchtung die Herde überkommt und ihr klar wird, wie sehr sie verarscht wurde und wird. Ich frage mich, wie lange es dauert, bis Köpfe nicht mehr metaphorisch rollen, bis die RAF wiederaufersteht, bis der Reichstag wieder brennt. Mir scheint, manche Politikerhülsen, die zur Zeit dreckige Luft aushusten, wollen diesen Prozess beschleunigen.

Saure Limonade


Der Bionade-Hype ging an mir vorüber. Als das Getränk zum In- und Lifestylegesöff avancierte, war ich Hartz-IV-Empfängerin und da war selbst Leitungswasser Luxus. Den Aufstieg habe ich aus Interesse allerdings beobachtet. Die Geschichte war einfach so wunderbar motivierend – gerade wenn man sich am Bodensatz der Gesellschaft befindet und unter dem Schmarotzerimage zu leiden hat.

Pilcher hätte es nicht schöner schreiben können:

Ein insolventes Unternehmen in idyllischer Landschaft, gefährdete Arbeitsplätze mit zahlreichen Einzelschicksalen, eine innovative Erfindung und schließlich die Rettung der Brauerei, Happy End.

Ja, davon träumt man als Hartz-IV-Empfänger nachts. (Tagsüber verraucht und versäuft man natürlich das Gnadengeld der Gesellschaft). Man denkt: Mensch, da hat es einer geschafft. Vielleicht schaffe ich es ja auch aus dem Sumpf… Schließlich wird einem stets vermittelt, dass man alles erreichen kann, wenn man nur will (was im Umkehrschluss natürlich bedeutet, dass das “asoziale Pack” einfach nicht will, und diese wohlwollende Volksmeinung bekommt man durchaus täglich zu spüren).

Als ich dann wieder Arbeit und Geld hatte und man mich mit “sehr geehrte Frau Atomality” ansprach, mir freundlich die Hand schüttelte und respektvollen Umgang mit mir pflegte, da trank ich dann endlich einmal das teure Gesöff. Geschmeckt hat es mir nicht. Aber das spielt keine Rolle. Wenn man damit eine kleine Brauerei unterstützt, die fast insolvent gegangen wäre! Die Einzelschicksale! Die innovative Erfindung! Und nach öko klingt es auch!

Heute denke ich, wenn ich die Neuigkeiten in Sachen Bionade lese, man sollte sich seine Vorbilder nicht in solchen Aufsteigern suchen. Offensichtlich mutiert man nicht zum Besseren, sobald viel Geld in die Kasse gespült wird. Da wurde der Preis einer Flasche um 30 Prozent erhöht und sich anschließend gewundert, warum der Absatz dramatisch sank. Komisch, nicht, wo diese Preispolitik bei den Energieversogern doch so gut klappt? Unverständnis machte sich breit und man bedauerte. Weniger die Preiserhöhung, mehr das Urteil der Verbraucher, man sei raffgierig.

Plötzlich war Bionade auch gar nicht mehr so gesund. Viel Zucker schadete dem Öko-Image. Und als hätte man nicht schon genug bewiesen, dass man auch ein aufstrebendes Erfolgsunternehmen – offensichtlich in Unkenntnis der eigenen Zielgruppe – bravourös in den Sand setzen kann, verspielt man auch noch den letzten Rest an Sympathie, indem man das ehemalige Underdogunternehmen von einem Großkonzern fast ganz verschlucken lässt. Ist nichts mehr mit kleiner Brauerei, Rettung vor Insolvenz, Einzelschicksale… Aber was spielt das für eine Rolle. Man hat sich gesundgestoßen, man ist Mittelschicht, man ist Arbeitgeber, man ist die Öko-Fraktion der FDP!

Nein, man sollte sich seine Vorbilder wirklich nicht in der Wirtschaft suchen.

Kochen in der Krise (2): Consommé chaud à la pomme de terre


kartoffelsuppeEine kräftige Suppe erwärmt das Herz und das Gemüt. Gerade in der kalten Jahreszeit ein wahres Schmankerl! Auch als Armer müssen Sie auf diesen Genuss nicht verzichten. Wie Sie preiswert ein magenfüllendes Gericht zubereiten, erfahren Sie im folgenden. Viel Vergnügen beim Nachkochen.

Hier die Zutatenliste:

Kartoffeln
Gekörnte Gemüsebrühe
Pfeffer

Grundrezept Consommé chaud à la pomme de terre:

Wasser kochen, Brühe zugeben. In Scheiben geschnittene Kartoffeln beigeben und mindestens 20 Minuten köcheln lassen. Mit Pfeffer abschmecken. Und bon appétit.

Gourmetversion Consommé chaud à la pomme de terre avec sel d’ail:

Fügen Sie eine Prise Knoblauchsalz zu. Und bon appétit.

Version Fit und Vital:

Wie Grundrezept. Jedoch eine in kleine Würfel geschnittene Karotte zugeben. Merke: Karotten enthalten Provitamin A und sorgen damit für den gesunden Durchblick. Damit Sie auch in Zukunft ihren Hartz-IV-Berechnungsbogen korrekt ausfüllen können. Und bon appétit.

Version Für Gäste:

Haben Sie Gäste zum Dinner geladen? Ergänzen Sie die Gourmetvariante wie folgt: Bestreuen Sie die angerichtete Suppe mit gefriergetrockneter Petersilie. Und bon appétit.

(Foto via flickr.com – talekinker)

Kochen in der Krise (1): Pasta con pomodori ammaccati


pastaWir beginnen mit einem recht einfachen Rezept, das sicherlich jedem Hartz-IV-Hasen altbekannt und geläufig ist, den Jung-, und Neu-Armen aber womöglich in dieser Form und Variante noch nicht begegnet ist.

Hier die Zutatenliste:

Nudeln
Tomatenmark
Salz

Grundrezept Pasta con pomodori ammaccati:

Die Nudeln werden in heißem Wasser weichgekocht. In einer kleinen Schüssel mischt man 4 Eßl. Tomatenmark mit 8 Eßl. Wasser und erwärmt die Sauce. Mit Salz abschmecken. Und bon appétit.

Gourmetversion Pasta con pomodori ammaccati ed aromatizzati:

Zur Tomatensauce eine Prise Oregano geben. Und bon appétit.

Version Fit und Vital:

Wie Grundrezept. Jedoch die Tomatensauce wie folgt zubereiten: Ein kleine Zwiebel schälen und in heißem Öl glasig anschwitzen. Tomatenmark, Wasser und Salz zugeben und kurz aufkochen lassen. Merke: Zwiebeln enthalten Vitamin C und können so vor Skorbut und anderen Erkrankungen schützen. Und bon appétit.

Version Für Gäste:

Haben Sie Gäste zum Dinner geladen? Ergänzen Sie die Gourmetvariante wie folgt: Richten Sie die Pasta mit der Saucee auf Tellern an und überstreuen Sie sie mit in Streifen geschnittenen Schmelzkäsescheiben. Und bon appétit.

(Foto via flickr.com – mullenkedheim)

So schmeckt die Konjunkturkrise!


Gestern wurde uns in den Nachrichten betroffen mitgeteilt, daß die Konjunkturkrise nun den Arbeitsmarkt erfasst hätte und es mehr Arbeitslose gäbe. Nun, das ist jetzt nicht so überraschend. Harte Zeiten wurden uns ja schon angekündigt und die ersten Auswirkungen machen sich nun bemerkbar.

Wir sollten uns also auf drohende Armut einstellen. Du, ich, wir alle, die wir noch Arbeit haben, lümmeln auf dem Schleudersitz und können morgen schon in die Arbeitslosigkeit katapultiert werden. Bis sich die Konjunktur dann erholt, können Jahre vergehen. Man denke nur, wie lange es gedauert hat, bis wir Arbeitnehmer etwas vom Aufschwung abbekommen haben. Genau! Das ist nie passiert, weshalb es tatsächlich dringend erforderlich ist, den Tatsachen ins Auge zu sehen. Die Mühlen mahlen langsam. Seeehr langsam. Und das heißt nichts anderes als: Arbeitslos = Hartz-IV, denn da rutscht man schneller rein als man denkt. Und Hartz-IV wiederum bedeutet “so-weit-unten-tiefer-geht-es-kaum”.

Ich spreche aus Erfahrung und möchte gerne meinen Beitrag zur Verbesserung der allgemeinen, dramatischen Lage leisten. In loser Folge werden hier daher Kochrezepte erscheinen, die ein Überleben auch in Zeiten der Armut gewährleisten.

Viel Vergnügen beim Nachkochen. Und bon appétit.